Seht mich nicht so bedau­ernd an – Allein­sein ist für mich ein Geschenk!

von | 7. Mai 2021

2+1 Teddys - zu Zweit und Alleinsein

… über die Nettig­keit einer unartigen Idee

Ob geschenktes “Allein­sein” nett oder unartig ist beurteilt der Beschenkte

“Was schenken wir Papa zu Geburtstag?” – “Wir lassen ihn allein und gehen aus!”

Bevor mich jetzt eine Welle der Empörung, des Mitge­fühls oder gar Mitleids überrollt, möchte ich klarstellen:  “Ich bin meinem Sohn sehr dankbar, dass er meine Bedürf­nisse so pragma­tisch auf den Punkt gebracht hat!“
Ja, richtig gelesen – was für viele mögli­cher­weise die unartige Idee eines puber­tie­renden Teenagers wäre, ist für mich eine super nette Geschenk­idee. Und ob ein Geschenk gefällt oder nicht gefällt, liegt immer noch im Auge des Beschenkten.

Allein­sein ist keine asoziale Marotte

Der Volks­mund weiß: “Der Mensch ist ein soziales Wesen!”. Spannend wird es bei der Frage: wie viele Menschen braucht ein Mensch um “sozial” zu sein? Brauche ich eine Gruppe um mich, oder reicht ein Mensch? Und sollten es immer die gleichen Gruppen und Menschen sein, oder wie häufig darf/sollte ich wechseln? Kann man “sozial” sein, auch wenn man gerne “allein” ist?
Der ameri­ka­ni­sche Psycho­loge Dr. Taibi Kahler hat bei seiner Entwick­lung des Process Commu­ni­ca­tion Model® (u.a. auch in Zusam­men­ar­beit mit der NASA) ermit­telt, dass die Mehrheit der Menschen Gruppen bevor­zugen, ein Drittel am liebsten nur mit höchs­tens 1–2 weiteren Personen zusammen sind, und jede*r Zehnte gerne alleine ist. Ich persön­lich bewege mich irgendwo in dem Feld zwischen dem Drittel und dem Zehntel.

Allein­sein ist nicht einsam sein

Das bedeutet aber nicht, dass 10% lieber allein auf einer einsamen Insel oder auf einer abgele­genen Alm in den Bergen leben möchten. Es bedeutet, dass Lebens­qua­lität in der Möglich­keit selbst­be­stimmten Rückzugs besteht.
Ich könnte kein Trainer und Berater sein wenn ich keine Menschen ertragen könnte. Und doch habe ich seit jeher mein Einzel­büro sehr geschätzt – Großraum­büros ohne Rückzugs­mög­lich­keit wären mein Horror. Ich vermeide es, mich längere Zeit in Gedränge zu bewegen – bin aber definitiv nicht klaus­tro­phob. Bei Konzerten werden Sie mich nicht im ‘Front of House’ vor der Bühne finden – ich habe einen (Sitz-)Platz am Rand. Ich sitze lieber mit ein oder zwei Freunden am Tresen im Eck, als mit Leuten ‘um die Häuser’ zu ziehen. Ich mag es allein im Café oder in der Kneipe zu sitzen, Menschen zu beobachten und meine Gedanken wandern zu lassen. Bei Feiern, Festen und Empfängen können Sie mich häufiger auch allein und abseits stehend sehen – manchmal gedan­ken­ver­loren, manchmal einfach nur beobach­tend.
Wenn Sie also demnächst das Gefühl haben einen “einsamen” Menschen zu sehen und Sie das Bedürfnis überfällt ihn/sie in Ihre Gruppe zu holen – fragen Sie sich erst:

Dieser Mensch steht dort allein – aber sieht er wirklich traurig dabei aus?

Mein Tipp: Sollte Ihre Antwort kein eindeu­tiges JA! sein, seien Sie behutsam mit Ihrem Angebot und nehmen Sie es nicht persön­lich, wenn Ihre Einla­dung abgelehnt wird.

Wenn Allein­sein ein Bedürfnis ist

Vermut­lich kennt jeder mal den Wunsch nach Allein­sein. Die Frage ist dabei – was ist der Zweck der hinter diesem Wunsch steckt? Ist es, weil Sie endlich mal Ruhe brauchen von der nervigen Familie? Oder weg von den frustrierten Kolle­ginnen und Kollegen, um einfach nur “runter zu kommen” und einfach nur “Ihr Ding” zu machen? Selbst­be­stimmt, weil Sie die anderen gerade nicht sehen mögen?
Oder ist es das ungestörte wandern lassen der Gedanken, die inneren Bilder? Und gibt Ihnen das mehr als eine Beruhi­gung der Nerven, sondern tankt Ihre Batte­rien wieder auf?
Sie sind sich nicht ganz sicher? Dann wählen Sie Ihre Antwort für folgendes Szenario:

Alleinsein an einem Bergsee mit Hütte und FernsichtStellen Sie sich vor Sie sind in den Bergen. Sie errei­chen eine einsame Hütte, davor eine bequeme Bank, unter­halb der Hütte ein kristall­klarer See und dahinter ein atembe­rau­bendes Bergpan­orama.
Wie lange könnten Sie es allein an dieser Hütte aushalten? 10 Minuten? 30 Minuten? 1 Stunde? 3 Stunden? 1 Tag? mehrere Tage? 1 Woche? …

Meine Antwort ist: mindes­tens 1 Woche! Nicht weil ich so gestresst bin, sondern weil ich spüre, wie das Allein­sein (engl. solitude) meine Batte­rien mit auflädt. Ähnlich verhält es sich bei mir auch bei den bereits genannten “größeren” Veran­stal­tungen – ein Moment des Rückzugs, des “inner­li­chen Allein­seins”, gibt mir die Energie um mich auch wieder “unters Volk zu mischen” und Spaß zu haben!

Es ist OK allein zu sein, wenn es einem gut tut!

 

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Meine Buchemp­feh­lungen zum Thema:
‘Quiet’  von Susan Cain (Deutscher Titel: ‘Still’)
Seeing People Through’ von Nate Regier

 

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